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Thema des Monats: Innovationen für Kommunen

Klimaschutz aus der Luft

Thermografiebefliegung in Rheinbach
ein voller Erfolg

Von Stefan Raetz und Robin Denstorff

Die „Thermografiebefliegung Rheinbach – Klimaschutz aus der Luft“ als innovatives und bisher einzigartiges Pilotprojekt, das bereits bundesweit viel Beachtung gefunden hat, ist mittlerweile erfolgreich verlaufen. Am 24. Februar 2012 ist in Gegenwart des damaligen Bundesumweltministers Dr. Norbert Röttgen der offizielle Startschuss für die groß angelegte Thermografiebefliegung über das gesamte Rheinbacher Stadtgebiet gefallen. Im Rahmen einer nächtlichen Befliegung wurden Wärmebilder der Dachflächen aller Gebäude der Stadt Rheinbach aufgenommen.

Zentrale Idee dieses Projektes ist es, dass allen rund 8 500 Rheinbacher Gebäudeeigentümern ein Wärmebild ausschließlich zu ihrem jeweiligen Gebäude auf postalischem Wege zur Verfügung gestellt wird. Durch die Aktivierung mit diesen individuellen Informationsschreiben sollen alle Immobilienbesitzer in Rheinbach für das Thema Energieeffizienz sensibilisiert und dafür begeistert werden, sich mit der energetischer Sanierung ihres gesamten Gebäudes zu befassen, gewissermaßen „übers Dach ins Haus“.

Dabei werden die Gebäudeeigentümer nicht alleingelassen, sondern durch ein umfangreiches qualifiziertes Beratungsangebot unterstützt.

Energetische Sanierung voranbringen

Die Stadt Rheinbach engagiert sich schon seit längerer Zeit im Bereich der Qualifizierung von Bestandsquartieren und von vorhandenen Gebäudebeständen. Im Themenfeld der energetischen Sanierung von Bestandsimmobilien stand bisher kein befriedigendes kommunales Instrumentarium zur Verfügung, um Gebäudeeigentümer dazu zu aktivieren, sich mit der energetischen Optimierung ihrer Immobilien zu beschäftigen.

Ziel des innovativen Projektes ist es letztlich, den Prozess der energetischen Optimierung und Sanierung des Gebäudebestandes auf Rheinbacher Stadtgebiet zu forcieren. Der innovative Ansatz hierbei ist es, die technischen Möglichkeiten der Luftbildbefliegung und der Gebäudethermografie sowie den Einsatz geografischer Informationssysteme so zu kombinieren, dass sie als städtebauliches Aktivierungsinstrument genutzt werden können. Die Idee hierzu kam vom Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung der Stadt Rheinbach, Robin Denstorff, der auch die Projektpartner Eurosense (Luftbildthermografie) und TÜV-Rheinland (automatisierte geografische Datenverarbeitung) zusammengebracht hat. Durch die Verknüpfung dieser technischen Möglichkeiten wurden erst die technischen Grundlagen für dieses Projekt geschaffen.

Die Projektidee war so überzeugend, dass die RWE Deutschland AG dazu gewonnen werden konnte, sich mit einzubringen und die Finanzierung für dieses Projekt zu übernehmen.

Präzises Thermografie-Modell

Im März 2012 wurde die Befliegung erfolgreich durchgeführt: Fünf Stunden lang überflog ein Spezialflugzeug in gut 1 000 Metern Höhe insgesamt eine Strecke von 320 Kilometern über das nächtliche Rheinbach und schoss dabei über 5 000 Thermografie-Bilder (Wärmebilder) des gesamten Stadtgebietes. Die Rahmenbedingungen dafür waren optimal, da für die Erfassung eine kühle und trockene Witterung notwendig waren.

Gleichzeitig zeichneten acht über das Stadtgebiet verteilte Messstationen kontinuierlich den Temperaturverlauf während des Befliegungszeitraums auf. Durch diese gewonnenen Daten konnten Temperaturunterschiede in den unterschiedlichen Bereichen des Stadtgebietes erkannt und korrigiert werden.

Parallel dazu wurden in den Räumen unter dem Dach von etwa 30 Gebäuden ebenfalls Temperaturmessungen durchgeführt, um die aus der Luft erfassten Daten noch differenzierter interpretieren und auswerten zu können. Diese Messungen wurden durch die Gebäudeeigentümer selbst durchgeführt. Auch der gesamte Rat der Stadt Rheinbach hatte sich hierzu bereit erklärt und das Projekt dadurch unterstützt. Die Messungen wurden in einen zuvor zugestellten Fragebogen eingetragen.

Mittels dieser doppelten Datenerfassung war es möglich, das Thermografie-Modell zu kalibrieren, wodurch die Messungen eine noch stärkere und präzisere Aussagekraft erhielten.

Individuelle Informationen für alle Gebäudebesitzer

Die über 5 000 Einzelbilder wurden wie ein „großes Puzzle“ zu einem Gesamtbild für ganz Rheinbach zusammengesetzt, so dass alle bebauten Bereiche des fast 70 Quadratkilometer großen Stadtgebietes abgebildet sind. Mittels eines Geländemodells wurde auf dieser Basis das „Wärme-Luftbild“ geometrisch entzerrt und mit der digitalen Liegenschaftskarte in Übereinstimmung gebracht. Abweichungen aufgrund atmosphärischer Bedingungen und Temperaturschwankungen wurden korrigiert, und so ein aussagekräftiges Wärmebild für jedes einzelne Gebäudedach in Rheinbach erstellt.

Durch die Anwendung von geografischen Informationssystemen war es nun möglich, für jedes Gebäude das jeweilige Thermobild zu extrahieren.

Durch ein weiteres automatisiertes Verfahren wurden rund 8 500 individuelle Anschreiben generiert, sodass jedem Gebäudeeigentümer in Rheinbach ein individuelles Wärmebild seines Hausdaches auf postalischem Wege zur Verfügung gestellt werden konnte. Es liegen damit Thermo-Luftbilder für jedes Gebäude des gesamten Stadtgebietes vor. Die Dachflächen der Gebäude sind im Farbspektrum von Schwarz/Dunkelblau über Grün bis hin zu Rot dargestellt. Dabei stehen die unterschiedlichen Farbdarstellungen für die jeweilige thermale Abstrahlqualität. Ein rotes Gebäude beziehungsweise rote Stellen am Gebäude stehen für eine hohe Wärmeabstrahlung, wohingegen das Farbspektrum im dunkelblauen Bereich für eine geringe Wärmeabstrahlung steht. Aber erst mit Kenntnis über die Beschaffenheit des Daches, und insbesondere über die Temperatur innerhalb der Räume unter dem Dach, lässt sich eine Aussage über die Qualität der Isolierung treffen. Insofern kann nur der Eigentümer persönlich unter Berücksichtigung eines Interpretationsschlüssels ablesen, wie gut oder schlecht das Dach des Gebäudes isoliert ist.

Auf der Abbildung des Gründer- und Technologiezentrums ist sehr gut sichtbar, wie sich die Ergebnisse der Thermografiebefliegung für einzelne Gebäude darstellen. So lässt sich erkennen, dass die Bereiche entlang der verglasten Flurpassagen deutlich stärker Wärme abstrahlen als die relativ gut isolierten Dachflächen. Es wird auch ersichtlich, dass die Qualität der Erfassung äußerst präzise Rückschlüsse auf einzelne Teilflächen im Dachbereich zulässt, da man sogar die einzelnen Fensteröffnungen deutlich erkennen kann.

Jedem Rheinbacher Gebäudeeigentümer wurde ausschließlich zu seinem Gebäude ein vierseitiges Informationsschreiben zugesendet. Dieses Schreiben besteht insgesamt aus drei Teilen:

1. Erläuterungen zum Projekt und
Informationen zum Beratungsangebot (Seite 1 und 2),

2. Erklärung zur Anwendung des
Interpretationsschlüssels (Seite 3),

3. Visualisierung der Wärmeabstrahlung des jeweiligen Gebäudes (Seite 4).

Die hundertprozentige Einhaltung des Datenschutzes ist eine zentrale Leitlinie dieses Projektes. Die differenzierten Thermobilder der einzelnen Gebäude wurden ausschließlich auf postalischem Wege den Gebäudeeigentümern zur Verfügung gestellt. Durch die Kooperation mit der Civitec, dem kommunalen IT-Dienstleister (kommunaler Zweckverband) der Stadt Rheinbach, wurde eine „Inhouse-Lösung“ für die Generierung und für den Versand der Anschreiben entwickelt. So war sichergestellt, dass keine eigentümerbezogenen Daten an Dritte herausgegeben wurden.

Umfangreiche Beratungskonzepte werden angeboten

Die Philosophie dieses Projektes beruht darauf, den Gebäudeeigentümern in Rheinbach ihre individuelle Information zu ihrem Gebäude zur Verfügung zu stellen, um eine Anregung zu geben, sich mit der energetischen Optimierung ihres Gebäudes auseinanderzusetzten und sie für dieses Thema zu begeistern. Es ist nicht das Ziel, belehrend oder mit dem „erhobenen Zeigefinger“ auf die Gebäudeeigentümer zuzugehen, bei denen erkennbar ist, dass viel Energie über das Dach verloren geht. Ob und wann die Eigentümer sich dazu entscheiden, etwas an ihrem Gebäude zu tun, liegt einzig und allein bei ihnen. Von daher wird die Stadt Rheinbach konsequent darauf verzichten, Einzelauswertungen der Thermografiebilder durchführen und einzelne Eigentümer anzusprechen.

Bei Interesse werden die Rheinbacher Gebäudeeigentümer mit einem umfangreichen qualifizierten Beratungsangebot bei ihren Überlegungen zur energetischen Optimierung ihres Gebäudes unterstützt. Dieses Beratungskonzept ist so ausgelegt, dass für jeden Beratungsbedarf ein entsprechendes Angebot zur Verfügung steht. Für eine anbieterunabhängige und fachlich kompetente persönliche Beratung der Rheinbacher Gebäudeeigentümer stellt die Verbraucherzentrale NRW ihr Netzwerk von qualifizierten Energieberatern zur Verfügung.

Das größtenteils kostenfreie Beratungsangebot reicht von einer eigens eingerichteten Website über Informationsveranstaltungen bis hin zu individuellen Beratungen, die sowohl im Rahmen von 30-minütigen Erstberatungen als auch von 90-minütigen individuellen Gebäudeberatung (Vor-Ort-Beratungen) möglich sind.

Positive Resonanz aus der Bevölkerung

Rund 8 500 individuelle, jeweils vierseitige Anschreiben wurden gedruckt, kuvertiert und am Freitag, dem 11. Januar 2013 verschickt. Durch diese individuellen Informationsschreiben konnte allen Gebäudeeigentümer in Rheinbach ausschließlich die Information zu ihrem jeweiligen Gebäude auf postalischem Wege zugesendet wer-den. So wurden die Hauseigentümer in die Lage versetzt, sich ein Bild über die Qualität ihrer Dachdämmung zu machen. Die Intention des Projektes war es letztlich aber, über die individuelle Information zu den Dachflächen, die Gebäudeeigentümer dazu zu motivieren, ihr gesamtes Haus in den Blick zu nehmen und sich zu diesem Thema qualifiziert beraten zu lassen.

Die Gelegenheit, jeden Gebäudeeigentümer anschreiben zu können, wurde ebenfalls dazu genutzt, das eigens aufgestellte Beratungsangebot aktiv zu kommunizieren.

Der Erfolg dieses Projektes lässt sich demzufolge ab besten daran messen, wie die Eigentümer das Beratungsangebot angenommen haben. Hierzu liegen bereits erste Vergleichszahlen vor: So wurde bereits in den ersten zehn Wochen des Jahres 2013 die 15-fache Beratungsanzahl des gesamten Vorjahres bei den individuellen Gebäudeberatungen durch die Verbraucherzentrale erreicht. Diese ersten Zahlen dokumentieren deutlich den starken Aktivierungseffekt, der durch das Projekt erreicht wurde. Dem fachlichen Anspruch folgend, durchläuft das Projekt eine differenzierte Evaluation.

Handlungsleitend bei diesem Projekt ist ein zeitgemäßes Demokratie- und Beteiligungsverständnis: Aktivierung durch individuelle positive Betroffenheit statt hoheitlichem Handeln, Erzeugung von Faszination durch qualifizierte Information statt Erlass von Vorschriften und persönliche Beratung statt Belehrung. Daher wurde es auch in der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt und von einer breiten öffentlichen Unterstützung getragen.

Die ersten Ergebnisse machen deutlich: Bereits rund sechs Wochen nach Versendung der individuellen Anschrieben zeigt sich, dass das Rheinbacher Pilotprojekt „Thermografiebefliegung Rheinbach – Klimaschutz aus der Luft“ das Potenzial hat, sich als wichtiges Instrument im Bereich der energetischen Gebäudesanierung zu etablieren.



Autoren:

Stefan Raetz ist Bürgermeister der Stadt Rheinbach und Mitglied des Innovators Club des Deutschen Städte- und Gemeindebundes


Robin Denstorff ist Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung sowie Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft der Stadt Rheinbach


Abbildungen:

In der Stadt Rheinbach wurde in einem Pilotprojekt im Jahr 2012 eine Thermografie-Befliegung des gesamten Stadtgebietes durchgeführt


Fünf Stunden dauerte die Befliegung durch ein Spezialflugzeug, das rund 320 Kilometer zurücklegte und 5000 Thermografie-Bilder aufnahm


Die Einzelbilder wurden wie ein großes Puzzle zu einem Gesamtbild für ganz Rheinbach zusammengesetzt







Veröffentlichung:
Ausgabe
04/13,
Seite 120
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